1. Die Dame im Nachthemd

Problemlos haben wir unsere Fahrräder am Flughafen Manchester in Empfang genommen und am späten Vormittag die Radtour begonnen. Der Auftakt ist leider nicht so schön: Die Strecke Richtung Wales ist landschaftlich öde und stark befahren. Einzig Chester mit seinen restaurierten alten Häusern scheint uns so nett zu sein, dass wir beschließen, auf der Rückfahrt dort zu übernachten. Uns zieht es aber zunächst möglichst schnell nach Wales.

"Welcome to Wales - Croeso i Gymru" steht auf dem Schild, das wir Dank unserer flotten Fahrt nach wenigen Stunden erreichen. Abgesehen von einem Hügel kurz vor Chester ist das Streckenprofil nur leicht wellig und einfach zu radeln. Doch bleibt die Straße auch im weiteren Verlauf entlang der Küste ziemlich langweilig und verkehrsreich. Interessanter wird’s erst bei der Suche nach einem Zimmer. Nachdem wir bereits einige Zeit nach einer Unterkunft Ausschau gehalten haben, werden wir in einer kleinen Ortschaft fündig und sehen ein Bed & Breakfast (B&B). Die Türe des Hauses ist offen und der Schlüssel steckt von außen auf der Tür, aber niemand scheint im Haus zu sein. Nach einiger Zeit torkelt eine Nachbarin heran, die uns alles Mögliche erzählt, unter anderem auch, dass der Hausbesitzer ein paar Häuser die Straße hinunter zu finden sei. Wir gehen also zu dem besagten Haus und klingeln. Ein völlig konsternierte junge Frau im Nachthemd öffnet uns die Türe und versichert uns, dass sie auch nicht weiß, wo der Besitzer des B&B ist. Etwas verdutzt, aber ziemlich amüsiert radeln wir weiter. Erst etliche Kilometer weiter werden wir auf einem Bauernhof kurz vor Einbruch der Dunkelheit doch noch fündig und sind froh, ein Zimmer bei freundlichen Gastgebern gefunden zu haben.

Auch das Abendessen gestaltet sich anders als erwartet. Inzwischen, nach 21 Uhr gibt es in dem einzigen Pub im Dorf nichts mehr zu essen. So bleibt uns die erste Erfahrung mit der britischen Nationalspeise Fish & Chips aus einer Imbissbude nicht erspart: Die vor Fett triefende Angelegenheit bringt die Galle auf Trab und kann auch mit einigen lauwarmen Bieren nur schlecht verdaut werden. Ich beschließe, Fish & Chips nur noch im Notfall zu essen...

 
Thomas verspeist mit großer Freude Fish & Chips

Auch am zweiten Fahrttag wird die Strecke landschaftlich leider nicht interessanter und der Verkehr nicht weniger. Trotzdem ist unsere Stimmung gut. Wir blödeln herum, Thomas gibt minutenlang Dialoge aus dem Loriot-Film "Papa ante portas" wieder und oft genug können wir uns vor Lachen kaum auf den Rädern halten.

Mein gestriger Vorsatz bezüglich der britischen Nationalspeise hält nicht lange, denn das Mittagessen nehmen wir notgedrungen wieder in einer originalen Pommesbude ein. Die Atmosphäre ist an Skurrilität kaum zu überbieten: Es stinkt nach Fett und urkomische Gestalten lassen sich von den kleinwüchsigen Damen hinterm Tresen Unmengen fettiger Chips in Zeitungspapier einwickeln. Malzessig und Salz scheinen den Geschmack der Pommes abzurunden. Fisch und Fleisch brutzeln in der selben Fritüre vor sich hin. Unsere Mahlzeit ist so fettig, dass sie trotz Unterlage einen riesigen Fettfleck auf der kleinen Mauer hinterlässt, die wir als Tisch benutzen. Nach diesem Mittagessen schließe ich endgültig mit der britischen Küche ab. Mir wird klar, dass es hier kulinarisch ums nackte Überleben gehen wird.

 Denbigh

Bevor wir Denbigh, unsere Station für die ersten Tagesausflüge, erreichen, besichtigen wir noch Holywell, eine als "Lourdes von Wales" bekannte heilige Quelle, und die spärlichen Überreste einer Abtei, die wir auf unserem Weg passieren.

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