Route 66

Hinter Flagstaff muß ich ein Stück die Interstate, das Pendant unserer Autobahnen, fahren. Alles kein Problem. Auch hier nehmen die Autofahrer und insbesondere die Trucks viel Rücksicht. Sie weichen oft sogar auf die zweite Spur aus, obwohl ich auf dem breiten Seitenstreifen schon mehr Platz als genug habe. Nach knapp 100 km geht’s dann ab auf die "Historic Route 66" parallel zur Interstate. Hier radelt es sich auf geschichtsträchtigem Asphalt völlig unbelästigt von Autos. Nur selten begegnen einem ein paar Nostalgiker im Auto oder auf dem Motorrad, die den Umweg über die Route 66 in Kauf nehmen.

An der Route 66

Die kleinen Ortschaften entlang der Route 66 haben ihren eigenen Charme. Man findet viel Kitsch, aber auch noch einige authentische Restaurants, kleine Hotels und Geschäfte. Dazu gibt’s einen Highway aus dem Bilderbuch. Und sogar aus dem Radio tönen die passenden alten Schinken aus den 60er Jahren.

Nachdem ich am zweiten Tag auf der Route 66 bereits 100 km abgestrampelt habe, hat sich ein sturmartiger heißer Gegenwind eingestellt. Ich habe Mühe, so viel zu trinken, wie der Wind aus mir raussaugt. Jeder Meter auf dem Rad wird zur Qual und es sind noch rund 30 km bis Kingman zu fahren. Zudem sind plötzlich – mir völlig unverständlich – sehr viele Autos unterwegs. Ich komme ziemlich k.o. in Kingman an.

Die Wüste ruft...

Am nächsten Tag schwinge ich mich erst nach Peilung der Windrichtung aufs Rad. Es sieht gut aus. Der Wind, der mir gestern nachmittag ins Gesicht blies, wird mich heute die rund 180 km durch die Mojave-Wüste nach Las Vegas treiben. Und tatsächlich strample ich die ersten 100 km dank des kräftigen Rückenwindes und der schnurgeraden flachen Strecke in Rekordzeit ab. Die Fahrt durch Weite der Wüste begeistert mich abermals.

 Hoover Damm

Nach rund 100 km wird es bergiger als es aus der Karte ersichtlich war. Es ist fast Mittag und die Hitze nimmt deutlich zu. Bis zum Hoover-Staudamm geht’s ganz schön rauf und runter. Am Damm selbst verweile ich nur kurz. Es ist irre, einen so riesigen Betonklotz mitten in die Wüste zu setzen und dahinter einen riesigen See aufzustauen. Unten am Damm fragt mich ein Amerikaner, ob er mich mit seinem Pickup mitnehmen soll. Ich lehne dankend ab, was ich später bereue. Denn nachdem ich den kilometerlangen Paß vom Damm aus bergauf gestrampelt habe, macht die Straße einen Bogen und dreht sich genau in den Gegenwind hinein. Und wenn Straßen hier einen Bogen machen, dann sind das mal eben 20 km. Zu allem Überfluß geht’s zwischendrin auch noch mal bergauf und die Meteorologen hatten mit ihrer Prognose recht: Die angekündigten 43 °C im Schatten hat es in der Mittagshitze mindestens. Nur Schatten gibt es hier nicht.

Ich fahre am Limit meiner Kräfte und spiele mit dem Gedanken, die Etappe abzubrechen und mich von einem Auto mitnehmen zu lassen. Doch kurz vor Boulder City erscheint eine Tankstelle am Straßenrand. Ich mache eine längere Pause. Man muß mir die Erschöpfung wohl angesehen haben, denn der Tankwart kann gar nicht glauben, daß ich per Fahrrad unterwegs bin und wünscht mit ein sorgenvolles "Take good care", als ich zur Weiterfahrt aufbreche. Doch die letzte Meile bis zur Anhöhe schaffe ich auch noch im Schneckentempo hinauf. Oben angekommen biege ich ab und die Straße dreht sich wieder aus dem Gegenwind heraus. Mit flottem Tempo eile ich Las Vegas entgegen.

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