Ankunft eines Reiseradlers

Es ist schon dunkel und ich bin ziemlich spät dran, ein Zimmer nach einer harten Tagesetappe zu suchen. Um so erleichterter bin ich, eine kleine Bungalowanlage direkt am Strand entdeckt zu haben.

Mit dem Gedanken an eine schöne Dusche trete ich in die Rezeption ein. Ein Junge hinter dem Tresen schaut mich vollkommen erstaunt wie ein Außerirdischer an. In seinen Augen bin ich das sicher auch: Verschwitzt und abgekämpft von den Bergen des Sinai habe ich meinen Fahrradhelm unter den Arm geklemmt und zupfe an den Fahrradhandschuhen, die sich mal wieder nur schwer von den Fingern lösen. Eine weiße Salzkruste zieht sich über meine Stirn und meine Nasenspitze leuchtet mal wieder trotz Lichtschutzfaktor 20 glühend rot. So eine Gestalt wie ich in diesem Moment ist für einen Ägypter sicher ein Wesen aus einer anderen Welt.

Ich frage den "Erstaunten", ob er ein Zimmer für eine Nacht hat. Während des Sprechens merke ich, daß sich sein Gesichtsausdruck kein bißchen verändert hat, woraus ich schließe, daß er kein Englisch kann. Dies scheint auch zu stimmen, denn er lächelt kurz, murmelt etwas von "minute" und rennt raus. Während ich immer noch an meinen Handschuhen rumzupfe, merke ich, wie der Schweiß, der während der Fahrt durch den Wind verdunstet, jetzt mein Gesicht herunterläuft. Ich freue mich auf die Dusche...

Nach nur wenigen Minuten kommt der Erstaunte mit einem anderen jungen Mann zurück, der mich sehr freundlich mit Handschlag begrüßt. Nach den üblichen Fragen, woher ich komme, wie lange ich schon im Lande bin, ob ich schon mal in Ägypten war u.s.w., kann ich dem "Freundlichen" endlich sagen, was ich möchte. Er nimmt interessiert zur Kenntnis, daß ich ein Zimmer für eine Nacht möchte, guck mich freundlich an und greift zum Telefon. Er gibt mir zu Verstehen, daß ich etwas warten müsse, was ich natürlich auch geduldig mache. Während die Minuten vergehen, merke ich, wie sehr ich stinke und trete einen Schritt vom Tresen zurück, in der Hoffnung, daß der Erstaunte und der Freundliche nichts davon bemerken. Ich freue mich auf die Dusche...

Die Wartezeit wird durch die Konversation mit dem Freundlichen kurzweilig. Er hat inzwischen registriert, daß ich mit dem Fahrrad unterwegs bin, was für eine Menge Gesprächsstoff ausreicht. Nach minutenlangem Palaver betritt der nächste Akteur die kleine Bühne der Rezeption: Der "Gewitzte" scheint wohl mein endgültiger Geschäftspartner zu sein. Mir wird sofort klar, hier mußt du handeln, sonst wirst Du übers Ohr gehauen. Doch zunächst ist meine Radtour Gesprächsthema. Erst nach einiger Zeit kann ich ihm mein Anliegen darbringen: Ein Zimmer für eine Nacht. Er blättert in einer Liste, die ziemlich leer aussieht, schaut zu mir auf und gibt zu verstehen, daß ein Bungalow frei sei. Na also, ich freue mich auf die Dusche...

Sicher möchte ich das Zimmer vorher sehen. Er greift zum Telefon, um den nächsten Darsteller zu rufen. Das Warten bietet Zeit zu weiterem Palaver. Mit dem Freundlichen und dem Gewitzten rede ich angeregt, der Erstaunte schweigt und scheint noch immer über mein Erscheinen zu staunen. Nach nur knapp einer Minute Wartezeit öffnet sich die Türe für den nächsten Akteur der kleinen Vorstellung: Ein etwas tumb wirkender junger Mann schlufft in die Rezeption herein. Er bekommt vom Gewitzten einen Schlüssel und trabt los, mir mein Zimmer zu zeigen. Wir rennen schweigend quer durch die ganze Anlage. Das sind die Augenblicke, in denen ich an mein Fahrrad denke, das jetzt unbeaufsichtigt vor der Rezeption steht. Doch ich bin beruhigt, als ich höre, daß der Freundliche und der Gewitzte offensichtlich die Hupe an meinem Fahrrad entdeckt haben, denn es trötet über den ganzen Platz. Nach einem nicht unbeträchtlichen Fußmarsch erreichen wir den Bungalow. Nachdem der Tumbe doch noch die Tür aufbekommen hat, mache ich den Schnelltest: Der Wasserhahn tropft, aber leise. Dusche und WC-Spülung funktionieren, das Bettuch scheint unbenutzt zu sein. Sogar Handtuch und Toilettenpapier sind vorhanden. Ich freue mich auf die Dusche....

Vor der Rezeption palavern der Freundliche und der Gewitzte über mein Fahrrad. Nach einer kurzen Erläuterung der technischen Finessen meines Rads kann ich dem Gewitzten sagen, daß das Zimmer soweit in Ordnung sei. Jetzt wird's spannend: Der Gewitzte nennt den Preis von 130 Pfund plus 24% Steuern. Ich schaue ihn düster an und antworte mit meinem Standard-spruch "Very expensive!", obwohl mir der Preis eigentlich angemessen erscheint. Der Gewitzte zückt daraufhin die Preisliste und macht mir klar, daß alles seine Richtigkeit hätte. Ich frage nach einem "spezial price", woraufhin der Gewitzte seinen Taschenrechner herauskramt und wie wild zu tippen beginnt. Der dreht das Display zu mir, auf dem - wie ein Wunder - der Betrag von 100 steht. Ich schaue noch immer skeptisch, obwohl ich eigentlich nur noch an die Dusche denke. "Tax inclusive?" frage ich. Nun schaut der Gewitzte skeptisch. Ich lächle ihn an und sage "Special price for bikers, okay?". Er lacht und ein Handschlag macht das Geschäft komplett.

Wenig später stehe ich endlich unter der Dusche und denke amüsiert an die Vorstellung in der Rezeption.

So erlebt im März 2000 auf dem Sinai

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